"Ich bin keine Diktatorin" english translation
Die Pop-Diva Madonna, 49, über ihr Regiedebüt mit dem Film "Filth and Wisdom", den Umgang mit Ruhm und ihr Umwelt-Engagement.
SPIEGEL: Madonna, was die Musik betrifft, läuft es prächtig für Sie: Gerade haben Sie einen Grammy gewonnen, im März werden Sie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, und in diesem Frühjahr erscheint Ihr lange erwartetes neues Album. In der Filmwelt dagegen hatten Sie nie wirklich Erfolg. Die Kritiken für Ihre Schauspieleinsätze waren meist verheerend, die Filme, in denen Sie spielten, wollte kaum einer sehen. Nun sind Sie nach Berlin gereist, um Ihr Regie-Debüt "Filth and Wisdom" vorzustellen. Sind Sie Masochistin?
Madonna: Sie vergessen, dass ich diesmal ja eben nicht als Schauspielerin gekommen bin. Ich sitze hier als Filmemacherin, und das ist ein ganz neues Kapitel für mich. In dieser Rolle fühle ich mich sehr viel wohler als in der anderen.
SPIEGEL: Warum?
Madonna: Regisseure erzählen Geschichten, und das liegt mir auch. Als Schauspielerin bin ich nur ein Teil in einer fremden Geschichte, und damit habe ich mich eigentlich immer unwohl gefühlt. Als Filmemacherin kann ich meine Version einer Geschichte inszenieren.
SPIEGEL: Weil Sie generell immer der Boss sein wollen und Regie führen müssen?
Madonna: Nein, das kann man so nicht sagen. Sicher, es geht um Kontrolle. Andererseits kontrolliere ich einen Film auch als Regisseurin nicht ganz, denn der ist nun mal das Resultat einer aufwendigen Zusammenarbeit. Ich habe ja bereits das Drehbuch mit jemandem verfasst und mich auch sonst ständig mit den Kameramännern, Schauspielern und Technikern auseinandergesetzt. Ich liebe es, wenn die Elemente zusammenfließen.
SPIEGEL: Aber nur wenn Sie das letzte Wort haben, oder?
Madonna: Sicher, ich bin diejenige, die irgendwann sagt: Danke, so machen wir es! Schließlich arbeiten wir an meiner Vision. Aber allein könnte ich die nicht realisieren.
SPIEGEL: Hat Ihr Mann, der Regisseur Guy Ritchie, Ihnen tatkräftig geholfen?
Madonna: Er hat mir vor allem einen guten Rat vorab gegeben. Er sagte: Du musst sicher sein, wohin du willst, sonst kommst du niemals an. Wenn du Nervosität ausstrahlst, wirst du untergehen.
SPIEGEL: Selbstzweifel traut man Ihnen kaum zu. Oder ist Madonnas Ego fragiler, als man ahnt? Wann waren Sie das letzte mal nervös?
Madonna: Da sehen Sie mal, was für eine tolle Schauspielerin ich doch bin. Glauben Sie mir, ich bin oft nervös, wenn etwas neu für mich ist und ich einen guten Eindruck machen will. Und was glauben Sie, wie nervös ich war, als die Dreharbeiten zu diesem Film begannen! Ich hatte Angst, dass all diese Profis, die da am Werk waren und teilweise schon mit berühmten Regisseuren gearbeitet haben, mich nicht ernst nehmen würden.
SPIEGEL: Und, wie lief es?
Madonna: Der erste Drehtag war hart. Natürlich wollte sich irgendein alterfahrener Kameramann von mir nicht so gern sagen lassen, wo und wie er sein Gerät zu positionieren hat. Da musste ich eben erst mal dafür sorgen, dass ich ernst genommen werde.
SPIEGEL: Aus Ihrer Erfahrung mit Plattenaufnahmen müssen Sie an Regieanweisungen doch gewohnt sein?
Madonna: Ja, das ähnelt sich. Und ich bin keine Diktatorin. Ich höre gern zu, wenn ein Kameramann eine andere Einstellung vorschlägt, so wie ich es ernst nehme, wenn Justin Timberlake mir im Studio sagt, dass ein Lied vielleicht anders klingen sollte.
SPIEGEL: Wie reagieren Sie auf Kritik? Ist es manchmal riskant, Ihnen, dem Star, zu sagen, dass eine Ihrer Ideen vielleicht doch nicht so toll war?
Madonna: Das kommt auf den Einzelfall an. Wenn jemand eine viel bessere Idee hat als ich, habe ich kein Problem damit, das zu akzeptieren. Wenn ich aber, zum Beispiel beim Drehen, eine klare Vorstellung davon habe, was ich will, dann bleibt es auch dabei.
SPIEGEL: In der Geschichte, die Sie verfilmt haben, mühen sich junge Menschen in London ab, ihre Träume von einer Karriere zu verwirklichen. Das scheint stark von Ihrer Biografie beeinflusst zu sein.
Madonna: Ja, ich wollte ein Drehbuch schreiben, das einen starken persönlichen Bezug zu meinem Leben hat. Wenn man etwas Gutes erzählen will, sollte man sich zuerst an Dinge halten, von denen man etwas versteht. Ich bin vor gut dreißig Jahren von Michigan nach New York gekommen. Als Kind hatte ich Tanzstunden, träumte von einem Durchbruch als Ballerina und wurde dann in der kalten Realität von New York wach. Als eine unter Tausenden junger Tänzerinnen, mit denselben Illusionen und derselben Armut. Wir hatten alle Hunger und brauchten einen Job.
SPIEGEL: In Ihrem Film muss sich die Nachwuchsballerina anhören, dass sie gefälligst ihren schönen Körper als Kapital einsetzen soll. Galt das auch für die junge Madonna?
Madonna: Das ist natürlich eine überzogene Lebensweisheit. Eine Abwandlung der simplen Maxime: Koste es, was es wolle, ich will es erreichen. Andererseits ist das auch wahr.
SPIEGEL: Was ist schwieriger, berühmt zu werden oder es zu bleiben?
Madonna: Oh, viel schwieriger ist es, oben zu bleiben. Es ist vergleichsweise einfach, die Tür zum Club aufzustoßen, aber dann ganz schön anstrengend, da drinnen zu überleben.
SPIEGEL: Ist es heute in der volldigitalisierten Welt mit Internet und Fotohandy anstrengender, berühmt zu sein, als in den Achtzigern, als Ihre Karriere begann?
Madonna: Das ist nur ein Mythos. Es war schon immer enorm strapaziös, bekannt zu sein. Viele Film- und Musikstars haben auch früher am Ruhm gelitten, nehmen Sie nur Marilyn Monroe. Es ist brutal, wenn man ununterbrochen begafft, überprüft, beurteilt und gerichtet wird. Wenn du mit deinen Kindern über die Straße gehst, gleich darüber geschrieben wird und fünf Leute ihr Fotohandy ausrichten, dann ist das surreal. Dabei meine ich gar nicht mal mich, sondern eher Prinzessin Diana oder Britney Spears.
SPIEGEL: Was ist Ihre Überlebensformel in dieser Welt?
Madonna: Es gibt kein Geheimnis. Es ist nur eben so, dass manche Menschen mit Überlebensinstinkten und Selbstschutzmechanismen ausgestattet sind, die es ihnen ermöglichen, solche rauen Zeiten zu überstehen. Nicht jeder ist für das Leben unter dem großen Mikroskop der Öffentlichkeit geschaffen. Und glauben Sie mir, es ist schwierig, sich all den Quatsch, der über einen verbreitet wird, nicht zu Herzen zu nehmen. Auch ich fühle mich oft wie ein gehetztes Tier. Es hilft, wenn man ein gesundes Selbstbewusstsein hat, bevor man berühmt wird. Und es hilft, sich mit Menschen zu umgeben, die einen nicht wie einen Halbgott behandeln und die den Unterschied zwischen Illusion und Realität nie außer Acht lassen.
SPIEGEL: Ihren Film haben Sie in London inszeniert, wo Sie überwiegend leben, im dazugehörigen Presseheft schwärmen Sie von europäischen Regisseuren wie Federico Fellini. Sind Sie mittlerweile mehr Europäerin als Amerikanerin?
Madonna: Nein, ich war schon immer von Europa fasziniert. Bereits als Teenager entwickelte ich eine Art Besessenheit für die Kunst der Alten Welt. Ein Jahr lang besuchte ich die University of Michigan, wo es einen Filmclub gab, in dem jede Woche ein Werk aus Europa gezeigt wurde. Ich war tief beeindruckt von alten italienischen und französischen Filmen. Einen Lieblingsfilm oder Regisseur habe ich zwar nicht, aber für meinen Film habe ich mich wirklich sehr stark von Godard beeinflussen lassen.
SPIEGEL: Umweltbewusstsein ist dieser Tage schwer in Mode. Sie gelten auch als Fan des Ex-Vizepräsidenten und Öko-Predigers Al Gore. Reisen Sie noch im Privatjet?
Madonna: Ich bin von Al Gores Film über die Klimakatastrophe begeistert. Denn all das Getue um Kunst und Kreativität ist ja lächerlich, wenn wir auf einem ruinierten Planeten leben müssen. Und: Ja, ich habe mein Leben verändert, Sie hoffentlich auch!
SPIEGEL: Verfolgen Sie die Kandidatenkür für die Präsidentenwahl in Amerika?
Madonna: Das ist genau das, was ich tue: beobachten! Falls Sie nun wissen wollen, wen ich wählen würde, lautet meine Antwort: keine Ahnung! Ich habe mir meine Meinung noch nicht gebildet. Aber wenn Sie unbedingt ein Statement brauchen: Ich bin garantiert kein Fan von George W. Bush!
SPIEGEL: Am 16. August werden Sie 50. Wird das eine große oder eine kleine Feier?
Madonna: Eine Feier eben.
SPIEGEL: Es heißt, Sie feiern groß.
Madonna: Klar, ich feiere immer groß.
SPIEGEL: Angeblich im New Yorker Central Park mit einem Konzert. So stand es zumindest in einer englischen Boulevardzeitung.
Madonna: Das ist Quatsch, den Sie nicht glauben sollten.
SPIEGEL: Haben Sie sich schon mal gegoogelt?
Madonna: Ich bin doch nicht verrückt. Ich nutze das Internet nur als Lexikon.
SPIEGEL: Und wo haben Sie zuletzt nachgeschaut?
Madonna: Etwas über den Schriftsteller Rudyard Kipling. Ich wollte wissen, ob er vielleicht ein früher Nazi war. In vielen Erstausgaben seiner Bücher ist das Symbol des Hakenkreuzes abgebildet. Aber ich habe herausgefunden, dass er viel Zeit in Indien verbracht hat und das Hakenkreuz dort ein altes Symbol für Glück ist.